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Bericht von Frans Hermans, Dilsberg

 

 Inhalt der Sage „Die Sage der Rose von Dilsberg“

 … Die „Rose von Dilsberg“ war das Töchterlein des Grafen von Dilsberg und wurde von ihrem Bräutigam im Kindesalter verlassen. Diesen Kern der Sage formte Bruno Hermann Hottenroth in dichterischer Freiheit zu einem Stück für die Burg Dilsberg um. Darin wird sie in ihrer Verfallenheit geschildert, aus der sie alljährlich zur Johannisnacht erlöst wird. Ein Reigen von Elfen erscheint und symbolisiert das längst versunkene Geschehen vergangener Zeiten. Das Stück beginnt mit einem bunten Treiben vor der Burg. Der Graf von Lauffen bereitet die Hochzeit für seine Tochter Rosamunde (Rose) vor. Im zarten Alter von zehn Jahren war sie mit Ulrich von Steinach (Neckarsteinach) verlobt worden. Es war eine von beiden Vätern betriebene Zweckheirat, um damit die beiderseitige Dauerfehde zwischen Dilsberg und Neckarsteinach zu beenden. Ulrich von Steinach war aber seit einem Kreuzzug verschollen, so dass die beabsichtigte Hochzeit nicht zustande kam. Rosamunde wuchs zur jungen Frau heran und verliebte sich in Wolf von Hirschhorn.

Als beide sich zur Hochzeit bereiten, wird dem Grafen von Dilsberg gemeldet, dass ein Tross Steinacher Ritter Einlass in die Dilsberger Burg begehre. Der Schlosshauptmann warnt den Dilsberger Grafen vor dem listigen und gewalttätigen Landschad Pleikart von Steinach, dem Vater Ulrichs. Doch in der Feststimmung hört der Dilsberger Graf nicht auf diese Warnungen, sondern bietet im Gegenteil dem Steinacher Nachbarn das Gastrecht an. Pleikart, der listige Fuchs, dem es das höchste Vergnügen ist, die „Lachenden weinend, die Weinenden lachend“ zu machen, nutzt diese Chance und lockt dem Dilsberger Grafen das Versprechen ab, seine Rose dem Steinacher Ulrich zu geben, wenn der denn aus dem Totenreich zurückkäme.

Was der Dilsberger Graf als Scherz auffasst, entpuppt sich als der sprichwörtlich blutige Ernst. Beim Gang des Hochzeitszuges zur Kirche reißt der bis dahin unerkannte Ulrich von Steinach sein Visier herunter, gibt sich als Heimkehrer zu erkennen und fordert von Wolf von Hirschhorn seine Braut Rose zurück. Der Graf von Dilsberg, verfangen in das gegebene Wort, muss seine Tochter Rose dem Bräutigam Wolf absprechen. Doch dieser fordert Ulrich zum Duell. Ulrich muss erkennen, dass er von seinem Vater Pleikart als Werkzeug dazu missbraucht wurde, Unfrieden zwischen Dilsberg und Steinach zu stiften.
 

 
Foto: Aufführung 1911
 

Das luziferische Gelächter des Schicksals, das Burggemäuer und das ganze Ambiente der Natur im Burggarten, das Burgvolk, die Ritter und Knappen – all das zusammen bildet das eindrucksvolle Bild der Tragödie der „Rose von Dilsberg“ …  
  

 

Bruno Hermann Hottenroth, Schauspieler und Dichter des Bühnenstücks

 Wer war diese Person, die überall im Lande Sagen und Geschichten zu einem Bühnenstück verarbeitete, nicht nur in Dilsberg?

Bruno Hermann Hottenroth sah das Licht der Welt am 17. November 1874. Er wurde in Danzig geboren als Sprössling einer damals wohlhabenden Familie. Als heranwachsender Knabe zog ihn das Theaterleben magisch an. Abenteuerlich veranlagt, unternahm er nach einer erfolgreichen Theaterausbildung, verschiedene Reisen in die europäischen Großstädte. Überall dort, wo er war, verarbeitete er bestehende Sagen oder geschichtliche und dramatische Ereignisse.  Diesem Prinzip der Verarbeitung blieb er sein ganzes Leben treu.  Ab und zu kam er auch mit dem Gesetz in Konflikt, so zum Beispiel 1903 in Zwickau, wo er das (1901 uraufgeführte) Meyer-Förstersche Theaterstück „Alt Heidelberg“ unerlaubt aufführte. Wegen Verletzung des Verlagsrechts bekam er eine Strafe von zehn Mark „aufgebrummt“. Lange hielt er es an einem Ort nicht aus und nach einem Dutzend von Aufenthalten kam er 1907 nach Heidelberg. In der Großen Mantelgasse wohnte er nur einige Monate, dann zog er weiter. Aber er kreuzte 1908 wieder in Heidelberg auf, wo er nun offiziell bis 1923 verblieb. Hier in Heidelberg hatte er zwar seine Hauptadresse, doch sein Theaterblut trieb ihn unentwegt zu den verschiedensten Orten in Deutschland. In Dilsberg verblieb er 1911 ganze neun Monate, genug Zeit, dort seine in einem Bühnenstück verarbeitete Sage „Die Rose von Dilsberg“ und „Das Frühlingsopfer“ aufzuführen.

Dass er überhaupt nach Dilsberg kam, verdanken wir einer Ablehnung des Heidelberger Stadtrats und der Behörde in Karlsruhe. Man verbot ihm, das von ihm erdachte Bühnenstück „Der zweite März 1689“ im Schlosshof aufzuführen. Das Stück behandelte die Zerstörung von Schloss und Stadt im Orléanischen Erbfolgekrieg durch die französischen Truppen, unter dem Befehl des Marquis de Mélac. Die Ablehnung der Aufführung dieses Stückes war u.a., sein Bestreben „das historische und vaterländische Gelände des Heidelberger Schlosses für sein Theaterprojekt zu missbrauchen“. Nicht nur dies, ein weiteres Argument war auch, wie er dazu kam die erholungssuchenden Heidelberger Spaziergänger dort im Schlosshof mit seiner Aufführung zu stören!! Überhaupt, Gelderwerb zu betreiben mit einem Stück, das die unglücklichste Zeit der Stadt Heidelberg und den kurpfälzischen Staat als Vorlage hatte!

Nach verschiedenen Ablehnungen seiner Werke besucht er eines Tages „mit einigen Getreuen“ den Dilsberg. Er marschiert vom Neckargemünder Bahnhof aus durchs ‚Städle’, dann Richtung Rainbach und so den Berg hinauf. Geschlossen kehren sie beim „Zapf“ ein (Gasthaus Zur Schönen Aussicht). Vom dortigen Wirt üppig verköstigt, erfahren sie von diesem einiges über den Ort und seine Geschichte. Sofort meldet sich Hottenroths Theaterherz. Hier lässt sich was machen! Und er setzt das Vorhaben sofort in die Tat um. Wenig später (1910) begeistert er das ganze Bergdorf mit seiner Geschichte und dem Theaterspiel. Und alle Dilsberger machen mit! Über einhundert Komparsen bringt er auf die Beine, Groß und Klein, Alt und Jung.

Zwei Jahre hinter einander führt er mit Erfolg diese beide Stücke auf. Was aber Hottenroth veranlasst hat, 1911 sich sang und klanglos von Dilsberg, mitten in der Zeit der Vorführungen, abzusetzen, wissen wir nicht ganz genau. Finanzielle Schwierigkeiten waren zumindest eine der Ursache.

Wie dem auch sei, am 3. September 1911 erschien im damaligen Heidelberger Tageblatt eine lakonische Meldung:

„Das Ende der Volksspiele. Am Freitag Nachmittag wurde im Vollstreckungswege die Einrichtung unseres Volksspieltheaters versteigert. Bis zum Abend war der Garten so ziemlich geräumt. Damit sind unsere Volksspiele sang- und klanglos zu Grabe getragen worden.“

 „Der Garten“ war der Ort wo die Volksspiele aufgeführt wurden, nämlich im Burggraben bzw. den Pfarrgarten an der Burg. Dort, wo heute noch die Aufführungen stattfinden und sie noch nichts von ihrer Einmaligkeit verloren haben.

 

Bruno Hermann Hottenroth

Hauptdarsteller vor der Aufführung 1910.
Rechts: Bruno Hermann Hottenroth


Weitere Aufführungen der Rose in Dilsberg

 In Dilsberg hörte man nie mehr etwas vom Schauspieler und Theaterdirektor Hottenroth. Aus der Geschichte verschwand er, nur das Stück „Die Rose von Dilsberg“ überlebte als einziges seiner Stücke in der Region. Nach 1910 und 1911 wurde 1939 der Versuch unternommen, das Stück wieder aufzuführen. Man kam zwar dazu, musste aber die Vorstellungen abbrechen: Ursache: Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Doch 1951/1952 ergriffen Fritz Roth und seine Frau Paula die Initiative und brachten das Bühnenstück zu einem überwältigenden Erfolg. 1963/1964 werden die Vorstellungen weiterhin aufgeführt, dann zuletzt im Jahre 2000. Da allerdings gab es nur Katastrophen, vor allem mit dem Wetter! Überall in der Umgebung heulten die Sirenen, Hangrutsch in Ziegelhausen, nichts als Regen, Regen. In Dilsberg blieb es einigermaßen trocken. Ortsvorsteher Wiltschko wurde abkommandiert das Wetter zu beobachten, Spielen oder nicht! Man spielte, und wiederum mit Erfolg. Zwar heulten die Sirenen, und ausgerechnet genau in der Minute, wo das Steinacher Schwert den Wolf von Hirschhorn durchbohrte! Dramatischer hätte man es nicht machen können. Aber so ist es mit dem Stück in Dilsberg, nur wer dort war, kann von dem Erlebten erzählen!

Was die Zuschauern vor allem fasziniert, sind die farbenprächtigen, mittelalterliche Kostüme. Und auch das ist eine Geschichte! Denn als Querelen mit einem Kostümverleiher einst den Schauspielern sprichwörtlich „die Kleider vom Leibe zogen“, sagte sich eine Dilsberger Schneiderin (Anni Richter): „Das passiert uns kein zweites Mal!“ Und … sie schneiderte und schneiderte … Originalgetreu bis ins Kleinste entstanden so im Laufe der Jahren bis heute über einhundert Kostüme! Sie pflegt und hegt sie, um diese dann gratis den Dilsberger Akteuren zur Verfügung zu stellen.

 

Nicht nur das badische und hessische Fernsehen interessierte sich für die „Rose“. Aus der ganzen Region kommen die Zuschauer. Wenn das Rose-Plakat des Dilsberger Kunstmalers Helmut Striegel an vielen markanten Stellen erscheint, das Edelfräulein mit der Rose und der Burg im Hintergrund einen verzaubert, weiß jeder in der Umgebung was dies bedeutet.

 

Rose-Plakat des Dilsberger Kunstmalers Helmut Striegel
 

Man könnte noch soviel über die Rose erzählen, aber – am Besten man kommt mit Freunden oder Familie selbst zu einer der Aufführungen, bringt gute Laune und gutes Wetter mit, wer weiß, wie lange man dann noch über das alles erzählen kann!

Frans Hermans, Dilsberg

Postkarte Aufführung 1951

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